| 20.02.2011 | Operettenball in der Apoldaer Stadthalle - Thüringer Allgemeine |
| 05.02.2011 | Tangotanzen für die Seele - Freies Wort |
| 31.10.2010 | Rendez-vous-Festival: Geschichte mit Tango und Tofu - Thüringer Allgemeine |
| 03.07.2010 | Fußball ist wie Tango - Thüringer Allgemeine |
| 08.05.2010 | Der Tangolehrer - Thüringer Allgemeine |
| 02.01.2009 | Anmut und Leidenschaft aus Argentinien - OTZ |
20.02.2011 | Thüringer Allgemeine | Operettenball in der Apoldaer Stadthalle Operettenball in der Apoldaer StadthalleZum diesjährigen Operettenball in der Apoldaer Stadthalle wurde den Teilnehmern ein reichhaltiger Abend präsentiert. Ronny Weiland, das Orchester Franz L, Alenka und Frank ließen die besten Tanzrhythmen erklingen. Ein sechs Gänge Menü wurde serviert und der Tanzkreis Tangomilonga führte seine Argentinischen Tangoschritte vor die je nach Gefühl der Tänzer ausgeführt werden dürfen. Der Originaltext sowie Bilder vom Ball sind hier zu finden: apolda.thueringer-allgemeine.de/.../ |
05.02.2011 | Freies Wort | Tangotanzen für die Seele (Von Lilian Klement) Tango tanzen für die SeeleVon Lilian KlementAuf der ganzen Welt wird Tango getanzt - und seit einigen Jahren auch in Suhl. Hier trifft sich regelmäßig ein Grüppchen begeisterter Tangofreunde. Suhl - Alle zwei Wochen, am Freitagabend, gehen Anja Beier aus Benshausen und ihr Ehemann Bernd Tango tanzen. Auch für Rainer Bauerschmidt aus Zella-Mehlis und dessen Ehefrau Christine ist der Tango zu einem leidenschaftlichen Hobby geworden. Der Suhler Zahnarzt Wolfgang Wurschi liebt ebenfalls den Tango. In den letzten Jahren war die Zeit dafür etwas knapp bemessen, doch nun, da er aus Altersgründen seine Praxis in jüngere Hände gibt, wird er wieder öfter sich und seine Frau im Tango-Rhythmus wiegen.
Die findet man bei Carlos Tapia aus Weimar. Manchmal sind zehn Paare da, manchmal auch nur zwei oder drei. Dieser Carlos ist ein fabelhafter Tangolehrer, ein waschechter Argentinier obendrein. Und als solcher saugt man die Leidenschaft dafür quasi mit der Muttermilch ein. Argentinien gilt schließlich als das Mutterland dieses Tanzes. Als Carlos Tapia Anfang der neunziger Jahre nach Deutschland kam, zuerst nach Erfurt, war hier an Tango kaum zu denken, geschweige denn daran, dass sich auch in Thüringen eine Szene wie in den großen Städten Berlin oder Hamburg entwickeln würde. Dort schossen schon vor Jahren argentinische Tango-Schulen wie Pilze aus dem Boden und boomen heute noch. Auch Carlos Tapia hat mittlerweile eine Schule, die Milonga-Tanzschule in Weimar. Gemeinsam mit seiner Partnerin Brigitte Backhaus gibt er überdies Kurse in den verschiedensten Orten des Freistaates, die sehr gefragt sind. Eben auch hier. Im vorigen Jahr wurden sogar erstmals Thüringer Tango-Tage mit Workshops veranstaltet. "Eine gute Idee", meint Anja Beier, die mit ihrem Mann und einigen anderen Südthüringern dorthin gefahren war. Übrigens entdeckte ihr Ehemann Bernd die Faszination des Tango vor Jahren ausgerechnet auf einer Dienstreise in den USA. Damals suchten die beiden nach einer Möglichkeit und fanden so zur Gruppe. Miteinander in HarmonieDie Beiers wie die Pfannschmidts nutzen selbst Urlaubsreisen ins Ausland, um Tangokurse zu belegen. In Italien beispielsweise. Schließlich ist der Tango ein Tanz, der auf der ganzen Welt getanzt wird, und nicht erst, seit die Unesco ihn 2009 in den Status des Weltkulturerbes erhob.Tango lernen ist nicht schwer, behauptet Carlos. "Man muss nur Liebe zum Leben haben und die Musik auf sich wirken lassen, denn Tango ist ein Tanz für die Seele." Jeder könne das, entsprechend seines Körpers. Mit dem müsse man allerdings erst einmal klar kommen - Achtung auf die Haltung, das Finden der Achse, das Gehen, das Setzen der Füße, zählt der Fachmann auf, stehen am Anfang. Und schließlich: "Zwei Menschen sollten immer miteinander in Harmonie gehen." Ein wenig verschmitzt fügt er hinzu: "Das braucht eine bestimmte Übungszeit." Für den Argentinier war dieser Tanz schon immer mehr als nur ein Tanz: eine Haltung zum Leben. Und das sollte er auch für andere sein, die sich davon berühren lassen, denkt Carlos. "Hier trifft sich keine Elitegesellschaft, der Tango ist keine akademische Kultur, aber er macht die Menschen wieder zu Menschen. Weil in der heutigen Konsumgesellschaft immer mehr Werte kaputt gehen, ist er eine gute Gelegenheit, die Leute wieder in eine soziale Beziehung zu bringen." Diese gewiss einzigartige soziale Komponente, sie hängt mit der Geschichte des Tanzes zusammen. Geboren wurde er Ende des 19. Jahrhunderts in einem Armenviertel von Buenos Aires, dort, wo die europäischen Auswanderer strandeten. Die Sehnsucht nach Liebe, nach Heimat, die Traurigkeit, sie fand schließlich ein Ventil im Tango. Deshalb sollten seine Möglichkeiten sich nicht nur auf die Vervollkommnung der tänzerischen Figuren beschränken. Das ist auch den Suhlern bewusst. Und daher beginnen sie das neue Jahr mit einer kleinen geselligen Runde, zu der Carlos und Brigitte eingeladen sind. Die einen haben gebacken, die nächsten Salate oder Bowle zubereitet. Und Rainer Bauerschmidt - der verbreitet Freude, als er jedem Paar an diesem Abend ein kleines, selbst zusammengestelltes Heftchen über den "Tango Argentino" samt einer CD überreicht. Das sieht selbst Carlos mit sichtlichem Wohlwollen - es zeigt, wie hier soziale Beziehungen gelebt werden. Artikel ist zu finden unter: www.freies-wort.de/... |
31.10.2010 | Thüringer Allgemeine | Rendez-vous-Festival: Geschichte mit Tango und Tofu
Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte - Reise in (Un)Bekanntes.Geschichte satt: Für Laien und Experten für Weimarer und ihre Gäste. Das zweite "Rendez-vous mit der Geschichte" bot überaus spannende Einblicke und war aus Sicht der Organisatoren ein voller Erfolg. Weimar. Knapp 2000 Gäste haben die mehr als 30 Veranstaltungen seit Donnerstag verfolgt. Damit verdoppelte sich die Zahl der Besucher im Vergleich zur Premiere 2009. Neue Farben fürs Weimarer Dreieck: Drei Rendez-vous-Städte gibt es, wobei Weimar das jüngste Geschichts-Kind ist. Neben den Vertretern des Rendez-vous de l'histoire aus Blois weilte auch Jamal Baddou in Weimar. Der Marrokaner leitet das gleichnamige Festival in der Hauptstadt Rabat des nordafrikanischen Landes und war angetan von der Fülle und Vielfalt des von Franka Günther kuratierten Programms. Sein Besuch gestern im Stadtmuseum war kein Zufall: Ihn interessierte der Vortrag von Aurélia Dusserre von der Universität Aix-Marseille, die über die Entdeckung Marokkos durch Franzosen und Deutsche dissertierte und sich einem Mann widmete, der heute fast vergessen ist: der Abenteurer, Afrikareisende und Schriftsteller Gerhard Rohlfs (1831-1896). Einen Platz in den Geschichtsbüchern ist Rohlfs sicher, da er als erster Europäer Nordafrika bis zum Golf von Guinea durchquerte. Der weitgereiste Mann wählte von 1881 bis 1890 Weimar als Wohnsitz: Zunächst lebte er in der Nähe des Bahnhofes, bekam aber dann in der Belvederer Allee ein Grundstück von Großherzog Carl Alexander geschenkt, wo er sich eine Villa bauen ließ. Rohlfs war in Afrika als Abenteurer unterwegs. Erst als er seine Reisen mit Messgeräten absolviert und fundiert an neuen, geographischen Erkenntnissen arbeitete, waren ihm das Lob der Wissenschaft und dann fließenden Fördermittel sicher. Dennoch: Zeit seines Lebens sei er ein Außenseiter geblieben, der keine Karriere als Diplomat habe machen können, sagte Aurélia Dusserre. Noch weiter zurück in die Geschichte ging Marc Delpech (Bauhaus-Universität Weimar), der sich der Pilgerreise des Landgrafen Wilhelm III. (1425-1482) widmete, die am 28. März 1461 in Weimar begann; Annette Seemann verdeutlichte nicht zuletzt mit ihrem Vortrag über Madame de Staël, Victor Hugo und Harry Graf Kessler, wie sich das Reisen im Laufe der Zeit beschleunigte. Während de Staëls Werke das Deutschlandbild der Franzosen prägte, erklärte Seemann auch, mit welcher Hybris die Franzosen im 18. und 19. Jahrhundert auf Deutschland blickten. "Eine nachgemachte Kultur gedeiht nie", sagte de Staël über Deutschland, wenngleich sie die Weimar-Aufenthalte gnädig stimmten. Während Alf Rößner der Italien-Affinität von Carl Alexander nachspürte, wurde im Hotel Elephant über das Dichtertreffen von 1941 diskutiert. Der Schulterschluss zwischen "Buch und Schwert" sollte dem NS-Regime internationales Renommee verschaffen, derweil saßen Hunderte europäischer Intellektuelle als Häftlinge im Konzentrationslager Buchenwald. Tango im 3/4 Takt in Argentinien und im C-Keller ist das möglich. Die kulinarisch-kulturellen Abende, die in diesem Jahr ihre Premiere hatten, waren ein Riesenerfolg. Hunderte Weimarer und in der Stadt lebende Ausländer erlebten ausgelassene Stunden bei Live-Musik, Tapas, Fladenbrot, Knoblauchsoße, Wodka und Wein. Für den asiatischen Abend am Sonntag sorgte das Koreanische Restaurant San kurzfristig und unbürokratisch mit Reis, Tofu und Soja. Einer der Höhepunkte war Autor Wladimir Kaminer, der im Mehrgenerationenhaus in Weimar West aus seinem neuen Buch "Meine kaukasische Schwiegermutter" las. Das "Weimarer Rendez-vous mit der Geschichte" bietet noch bis zum 7. November im Kommunalen Kino mon ami ein Filmprogramm an. Guten Morgen Artikel geschrieben von Thorsten Büker / 31.10.10 / TLZ |
03.07.2010 | Thüringer Allgemeine | Fußball ist wie Tango | Der eine Argentinier spielt Fußball, der andere liebt den Tango: Weltstar Lionel Messi und Tanzlehrer Carlos Tapia sind in derselben Stadt aufgewachsen - in Rosario. Heute lebt Tapia in Weimar und kommt bei der Begegnung der beiden Viertelfinalgegner in einen kleinen Gewissenskonflikt. Weimar. "Der Tango sagt nicht liebe mich, sondern kämpfe mit mir, oder gegen mich", so empfand es einst der spanische Sänger Ramon Reguiera. Eine Begegnung, emotional und leidenschaftlich. Ein Drama. Das ist Tango - und das ist Fußball. Zwei Passionen, deren Tritte das Schicksal verändern können. "Einfach untrennbar", findet Carlos Tapia. Video 7 - Tango und Fußball Der Argentinier lebt seit 18 Jahren in Deutschland und lei-tet in Weimar die Tanzschule "Tango Milonga". Als Kind spielte er in Rosario, der drittgrößten Stadt Argentiniens, Fußball - im gleichen Viertel, in dem auch Messi Jahre später aufwuchs. Ende der 90er Jahre wurde dort, in Diego Maradonas Geburtsstadt, zu Ehren des heutigen Nationaltrainers, die "Iglesia Maradoniana - La Mano de Dios" ( Maradona-Kirche - Die Hand Gottes) gegründet. Am heutigen WM-Spieltag schlagen zwei Herzen in Tapias Brust. Eines für seine Heimat. Und eines für Deutschland, in dem er die Liebe seines Lebens fand. "Das bringt mich wirklich in Schwierigkeiten." Mit diesem Problem ist er nicht alleine. In Thüringen leben 39 Argentinierinnen und Argentinier. Elf sind mit Deutschen verheiratet. Tapias Leidenschaft, der Tango, ist Ende des 19. Jahrhunderts in den Armenvierteln der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires entstanden und im September des letzten Jahres von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt worden. Für den Tangolehrer liegen zwischen dem Tanz und einem Fußballspiel keine Welten. Kampf und Schönheit sind eng miteinander verknüpft. Beides sind authentische Spiele, die aus den Slums kommen. Nicht vom Parkett, nicht vom Rasen. "Schauen Sie sich die Bewegungen an, so intensiv und sinnlich - sie ähneln sich sehr", erklärt der Tänzer. "Barrida" heißt "Fegen" und meint im Tango, den Fuß des Partners mit dem eigenen wegschieben. "Das macht man auch im Fußball", lacht Tapia. "Bei einem Gancho umschwingt der Tänzer das Bein seines Partners und hakt sich kurz ein - könnte ein Foul sein", findet er. Abgesehen von Verwirrungstaktiken umarmt man sich im Tango wie im Fußball ständig. Diego Maradona herzt seine Spieler stets mit Vergnügen. Überhaupt gelten Argentinier als temperamentvolle und emotionale Menschen. Bittere Tränen hat Maradona schon vergossen. Unvergessen sein schmerzverzerrtes Gesicht nach dem verlorenen WM-Spiel 1990 in Italien. Deutschland gewann 1:0. Maradona weinte. Melancholie pur. "Er hat eben auch Tango im Blut", ist Tapia überzeugt. Erotik in mollig - statt in Moll, wie der Tanz auch genannt wird. "In Argentinien wird auf der Straße Tango getanzt und Fußball gespielt - da muss man keinen Klub gründen, wie in Deutschland", erzählt der 53-Jährige. Deshalb glaubt er, dass die Argentinier gewinnen, "weil sie einfach mehr Feuer haben". "Obwohl. Ach! Deutschland oder Argentinien . . ." - da ist er wieder, sein Konflikt, "zwei junge und tolle Mannschaften - ich werde mich einfach überraschen lassen", meint er. Seit 1958 sind die Teams bei einer WM fünfmal aufeinandergetroffen. "Eigentlich muss sich Argentinien jetzt für die WM 2006 rächen", Tapia besinnt sich nun doch seiner Wurzeln. "Schließlich haben wir den besten Fußballer, Lionel Messi!" Obwohl sich der Name Argentinien vom lateinischen Wort "argentum" (Silber) ableitet, hatten die Südamerikaner schon goldene Zeiten mit dem doppelten Weltmeistertitel. Die Deutsche Elf hat mit Mesut Özil ein Messi-Pendant. Sie konnten den Pokal zuvor bereits dreimal nach Hause tragen. Vermutlich wird das Duell hitzig wie ein Tango. Wie ein Tanzpaar werden sich die beiden Mannschaften zwischen Eroberung und Scheitern bewegen. Die Begegnungen verliefen immer emotional und auch schmerzhaft. Carlos Tapia tippt auf ein Elfmeterschießen, "aber mehr sage ich nicht!". Wie auch immer das Spiel ausgeht - er wird heute tanzen. Nach Abpfiff der Partie lädt er jeden, der kommen mag, in seine Weimarer Tangoschule ein, die traurigen oder fröhlichen Gedanken im Tanz auszudrücken. Vielleicht hat Argentinien mehr Temperament und Feuer. Aber Leidenschaft und Ehrgeiz werden sich an diesem Tag nicht voneinander unterscheiden. Und einen wichtigen Anteil haben die Deutschen doch, an Argentiniens Glut - das Instrument des Tango, das Bandoneon, stammt ursprünglich aus Krefeld in Deutschland. Artikel geschrieben von Nadine Hummel / 03.07.10 / TA |
08.05.2010 | Thüringer Allgemeine | Der Tangolehrer
Der Argentinier Carlos Tapia (53) will als Lehrer den Tango nicht nur als Tanz, sondern auch als Lebensgefühl nahebringen. Foto: Alexander Volkmann
(c) http://www.thueringer-allgemeine.de/web/zgt/suche/detail/-/specific/Der-Tangolehrer-357751874
"Menschen haben einen Beruf. Und es gibt Menschen, die empfinden ihre Arbeit als Berufung.
Einige an exponierter Stelle. Andere im Stillen. Sie stellen wir in dieser Serie vor.
Heute: Carlos Tapia, gebürtiger Argentinier und Tangolehrer in Weimar.
Er trägt einen dunklen Anzug mit dünnen Streifen, schwarzes Halstuch unter weißem
Hemd und einen Krempenhut. "Wie sehe ich aus?" Er lacht, erwartet keine Antwort.
Natürlich sieht er gut aus in diesem Outfit der 30er. Seine Twotones, diese weißen
Schuhe mit den schwarzen Spitzen, wischen einen verschnörkelten Halbkreis auf das
Parkett, die Arme führen eine unsichtbare Partnerin. Schon meinst du, das Knistern
einer alten Platte zu hören, den klagenden Ton eines Bandoneons. Umschlungene
Körper, die sich verlieren in einer wortlosen Geschichte zwischen Hingabe und Abwehr.
Und nichts scheint in diesem Moment von Bedeutung. Nicht der Ort, nicht die Umstände,
nicht die Zeit. Sie tanzen einen Tango.
So wurde er damals geboren. In den billigen Wirtshäusern und schmutzigen Gassen
von La Boca. Dem Armenviertel von Buenos Aires, wo sie alle strandeten, die glücklosen
Auswanderer aus Europa. Ihre Sehnsüchte, ihre Traurigkeit und ihre Hoffnungen bildeten
den Nährboden, auf dem der Tango gedieh. Er war ihre kurze Flucht. Ihr Hunger auf Leben
und ihr Stolz auch. Ihre Sehnsucht nach einem Ankommen, wenn schon nicht in einem Land,
so doch wenigstens in einem Menschen.
Gebrochene GeschichteEr ist Student. Philosophie und Literatur. Zwischen den Vorlesungen arbeitet er in der Fleischfabrik. Sie sind eine arme Familie. Er macht den Mund auf, fordert bessere Arbeitsbedingungen, gerechte Löhne. Sie holen ihn an einem Tag nach der Schicht. Der Lastwagen wartet vor dem Fabriktor. Drei Jahre Gefängnis. Ohne Anklage, ohne Urteil. Er spricht nicht gern über diese Zeit. Er will keinen Märtyrer-Nimbus. Es waren so viele. Und so viele blieben verschwunden. Zurück bleibt von dieser Zeit eine beinahe instinktive Abwehr gegen alles, was Anspruch auf endgültige Wahrheit erhebt. Gegen alles Totalitäre. Als er nach dem brasilianischen Exil in die Heimat zurückkehrt, ist alles anders. Die Nachbarn weggezogen, Freunde verschwunden, die Straßen verändert. Er spricht von gebrochener Geschichte. Die Eltern sind krank, er pflegt sie. Nach ihrem Tod steht er vor einer Wahl. Was will er von diesem Leben? Deutschland ist ein fremdes Land. Er hat Freunde, die in Erfurt ein italienisches Restaurant betreiben. Es ist das Jahr 1992, die Wende hält so viele Möglichkeiten offen. Komm her. So landet er an einem kühlen Dezembertag auf dem Flughafen Frankfurt. Mit einen Koffer in der Hand, kaum einem Wort Deutsch und dem Traum von einem Neuanfang in der Seele.Zwiegespräch vor der EruptionEine Wohnung im Plattenbau am Roten Berg. Jobs im Restaurant und auf dem Bau, Sprachunterricht in der Volkshochschule. Es ist nicht das, was man einen wahrgewordenen Traum nennt. Aber er hat Freunde. Und er entdeckt in diesem fremden Land eine Offenheit für die Kultur, aus der er kommt. Es ist die Zeit, in der Tangoschulen wie Pilze aus dem Boden schießen. Eine Merkwürdigkeit? Er denkt nach. Nein. Eigentlich nicht. Eigentlich kann man darin eine Logik finden. Vielleicht, dass diese hart arbeitenden und ernsthaften Deutschen gerade in ihm einen Seelenausgleich finden. In dieser eigenartigen Mischung aus Melancholie, Leidenschaft und selbstdisziplinierter Strenge. Wo es immer nur so scheint, als würde sich das Zwiegespräch gleich in einer Eruption entladen. Tango ist nicht nur ein Tanz... Tierra Latina. So heißt das Zentrum in Erfurt, das er gründet, in dem er Spanisch unterrichtet und natürlich den Tango. Manchmal muss man nur vertrauen. Manchmal ist es der Weg, der einen findet.Tango gab die Indentität zurückIrgendwann hält er beim Tanz eine fremde Frau im Arm. Er spürt, da ist mehr. Da ist ein Gleichklang. Ankommen in einem Menschen. Und es war der Tango, der den Weg wies. Das ist Schicksal. Er zieht in ihre Stadt. Weimar. Der Tango, sagt er, hat ihm seine Identität zurückgegeben. Als habe er sich als sanfter Schatten über die anderen, die schmerzhaften Erinnerungen gelegt. Ein Wohlgefühl im Seelenhaus. So nennt er das. In der Entwurzelung einen neuen Lebensraum schaffen. Das könne der Tango. Nicht nur für jemanden, der aus Argentinien kommt. Für jeden. Warum? Warum nicht der Walzer, warum nicht der Fußball? Der Tango ist ein zutiefst sozialer Tanz. Er braucht keine Worte. Trotzdem beginnt ein intensiver Dialog, wenn man aufs Parkett geht. Der Mann, der einen sanfte Impulse gibt und dabei immer den Raum im Blick haben muss. Die Frau, die reagiert, nicht wissend, welche Geschichte sich daraus entspinnt und die Mut braucht zu dieser Hingabe. Das klingt nach dem uralten Spiel im richtigen Leben. Ein Spiel in den tradierten Rollen. Der Tango als romantisch verbrämter Hüter des Machismo? Er lacht. Nein. Nicht so. Ein Rollenspiel ist er sicher. Aber doch zwischen gleichen Partnern. Ohne der Präsenz der Frau, ohne ihrer ausgestrahlten Stärke könne der Mann schließlich keinen Impuls aussenden. Eine Frau, sagt er, gibt, um nehmen zu können. Ein Machtspiel, ja. Aber eines auf Augenhöhe. Erotik und Emotion sind nur ein Teil des Tango. Rationalität ein anderer.Universalsprache TanzDie eigene Achse spüren. Sich seiner eigenen Mitte vergewissern. Fest und sicher. Seine erste Unterrichtsstunde für Anfänger beginnt er mit genau dieser Übung. Tango ist eine Frage der Persönlichkeit. Erst dann kommen die Schritte, kommt die Technik. Man kann viel lernen dabei über sich. Eine Erfahrung, die ihn ermuntert hat zur Ausbildung zum Tanztherapeuten. Gerade erst ist er aus Argentinien zurückgekehrt. Nach Hause, wie er inzwischen fühlt. In der Pension, in der er wohnte, traf er beim Tangoabend Menschen aus der ganzen Welt. Man kannte die Sprache nicht, tanzte und es war gut. Das ist das Wunderbare am Tango, sagt er. Du kannst hinkommen wo du willst, niemand wird dich fragen wer du bist oder woher du kommst. Man geht aufs Parkett und redet miteinander ohne Worte. Welcher Tanz kann das noch geben? Der Tango, sagt er, hat ihm die Freiheit wiedergegeben." Elena Rauch / 08.05.10 / TA |
02.01.2009 | OTZ | Anmut und Leidenschaft aus Argentinien
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